Ko­mi­sche Haus-Vä­ter. Die Kri­se des Hau­ses in der fran­zö­si­schen Ko­mö­die (1670-1730)

Das Projekt geht von der Beobachtung aus, dass in der Literaturgeschichte die Zeit um 1700 einerseits als 'arrière-saison' des klassischen Zeitalters bezeichnet wird, während sich andererseits ein erheblicher Anstieg der Komödienproduktion in diesem Zeitraum verzeichnen lässt. Dergestalt kontrastiert die große Anzahl an Komödien mit der geringen Erforschung des Theaters um 1700 bzw. genauer: zwischen Molière und Marivaux, so dass deren Bearbeitung trotz der seit geraumer Zeit stattfindenden Edition und Untersuchung einzelner Komödien zu den zentralen Desideraten der Forschung gehört (siehe hierzu besonders das von Georges Forestier geleitete Online-Portal théâtre-classique.fr, das eine Vielzahl neuerer Editionen von Dramen des 16.-18. Jahrhunderts zur Verfügung stellt).

Den Ausgangspunkt der Textanalyse bildet die von Molière in die theatrale Hausordnung eingeführte Figurenkonstellation, innerhalb derer die Hausväter als Ordnungsstörer fungieren, da ihre Handlungsweise wahlweise auf einem als obsolet erachteten Modell des 'geschlossenen, ganzen Hauses' aufruht oder sie willkürlich den Ruin ihres Hauses aus Eigeninteresse in Kauf nehmen. Demgegenüber steht die in Marivaux' Komödien sichtbare Neuordnung des 'ganzen Hauses' als offenes, 'ganzes Haus', innerhalb dessen der Hausvater erneut die Ordnung garantiert und zudem aufgrund seiner emotionalen Beziehung zu seinen Kindern den moralisch-sittlichen Fortbestand des Hauses sichert. Zugleich schafft dieser Hausvater aber in seinem Haus neue Handlungs- und Spielräume, in denen gleichermaßen Geschlechter- und Familienspielräume ausgefaltet werden.

Vor diesem Hintergrund steht die genauso extensive wie intensive Analyse der prozessualen Ordnungsverschiebungen von Haus, Familie und Ehe im Mittelpunkt des Projekts, das neben zentralen Komödien der beiden kanonischen Autoren insbesondere paradigmatische Lustspiele der in der Forschung tendenziell vernachlässigten Komödiendichter (z.B. Dancourt, Dufresny oder Regnard) um 1700 untersucht. Die leitende Überlegung für die Korpusauswahl und die damit verbundene Textanalyse ist, dass es in der Nachfolge von Molière zum einen zu einer Zuspitzung der bereits in seinen Komödien angelegten Problematisierungen der ökonomischen Haushaltführung kommt und zum anderen, stärker in Absetzung zu Molière, eine sich ändernde Ordnung der häuslichen Figurenkonstellation eingeführt wird. Dies zeigt sich beispielsweise in der Ersetzung des Hausvaters durch die (verwitwete) Hausmutter oder in der zunehmenden Relevanz der wirtschaftlichen Verhältnisse des Hauses sowie der damit verbundenen Wertschätzung materiellen Kapitals, von denen die sozialen sowie emotionalen Beziehungen zunehmend beeinflusst, wenn nicht gar bestimmt werden, wodurch sich die dargestellte Hausordnung als krisenhaft und instabil abzeichnet und zumindest die Notwendigkeit einer Neuordnung hervorgebracht wird.

Das Œuvre Marivaux' nimmt dagegen in zweierlei Hinsicht eine entscheidende Bedeutung für die Frage nach der Stabilisierung der komischen Haushalte und einer Perspektivverschiebung auf die emotionale und vor allem moralische Dimension der Paarbeziehungen der jungen Liebenden ein. Die Mehrzahl seiner frühen Komödien zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die väterlichen und mütterlichen Figuren komplett aus den Stücken getilgt werden, wodurch der Fokus der dramatischen Handlung sich zwangsläufig auf die Liebenden selbst verschiebt. Mit Le Jeu de l'amour et du hasard bringt Marivaux dann 1730 einen handlungsmächtigen und vor allem -fähigen Hausvater auf die Bühne, der nicht nur Garant eines stabilen Haushaltes ist, sondern diesen auch als Raum des komischen Spiels der empfindsamen Liebenden, dessen Spielleiter er selbst ist, öffnet.

Kon­takt

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Adelina Debisow

Komparatistik/Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft

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